Der Bonner Sport in der (Flüchtlings-)Krise (aktualisiert)

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Der Bonner Sport in der (Flüchtlings-)Krise

Der Bonner Sport befindet sich zurzeit in einer Krise, die unmittelbar mit der Flüchtlingskrise zusammenhängt. Denn die Stadt Bonn stellt Hallen von Bonner Sportvereinen und Schulen zur Unterbringung von Flüchtlingen Verfügung. Dadurch fällt eine Vielzahl von Sportangeboten weg und die Existenz von Sportvereinen und deren Mitarbeitern ist bedroht. Was heißt das konkret für die SSF Bonn? Im Interview geht Lutz Thieme (Vorsitzender SSF Bonn) auf die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf den Bonner Sport bzw. die SSF Bonn ein. Anne-Marie Nierkamp (Ressortleitung „Abteilungsübergreifende Maßnahmen“ der SSF Bonn) und Ute Pilger (Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit SSF Bonn) berichten über das Engagement der SSF bei der Flüchtlingshilfe.

Lutz, die brennendste Frage als erstes: Wird auch die Sporthalle der SSF Bonn zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt?

LT: Die Stadt Bonn hat am 25. Januar 2016 die Öffentlichkeit darüber informiert, dass 21 Sporthallen zur Unterbringung von Flüchtlingen vorgesehen sind und in welcher Reihenfolge diese Sporthallen belegt werden. Die Sporthalle im Sportpark Nord findet sich in dieser Liste an Platz 19 der zu belegenden Sporthallen.

Dass Sporthallen in diesem Umfang zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden sollen, hat den gesamten Bonner Sport überrascht. Nur wenige Tage vorher hatte OB Ashok Sridharan beim Neujahrempfang des Stadtsportbundes betont, dass Sporthallen nur das letzte Mittel zur Unterbringung von Flüchtlingen sein kann. Von einer Belegung gut eines Fünftels der Sporthallenstandorte mit rund 40 % der Bonner Sporthallenkapazitäten war zum damaligen Zeitpunkt nicht ansatzweise die Rede.

Vor allem dem Stadtsportbund Bonn ist es zu verdanken, dass die Folgen einer Belegung derart vieler Sporthallen in die Öffentlichkeit getragen und intensiv diskutiert wurde. Es zeigte sich dann nach relativ kurzer Zeit, dass sowohl die Bonner Kommunalpolitik als auch die Stadtverwaltung deutlich bestrebt waren, die Belegung von Sporthallen zu vermeiden. Andererseits bleibt der Eindruck, dass bis dahin nicht immer mit letzter Konsequenz nach alternativen Unterbringungsmöglichkeiten gesucht bzw. die dafür notwendigen politischen Beschlüsse gefasst wurden.

Worin besteht der Unterschied zwischen dem Sportpark Nord und anderen Städtischen Sporthallen?

LT:  Die Situation im Sportpark Nord unterscheidet sich schon gravierend von der in anderen Sporthallen, die ja sehr häufig auf dem Gelände von Schulen stehen. Juristisch besteht zwischen den SSF und der Stadt Bonn nicht nur der Nutzungsvertrag für die Schwimmhalle und die Sporthallen, sondern auch noch ein Gewerbemietvertrag für die Räume der Gastronomie, des Fitnessraums, des Multi-Raums und für die Räume der Physiotherapie mit entsprechenden Untermietverträgen.

Der Sportpark Nord ist zudem deutlich komplexer als Schulturnhallen. Die Infrastrukturen der Sporthalle, der anderen Sporträume und des Stadions, wie beispielsweise die Umkleidemöglichkeiten oder die Zugänge zu Schwimmhalle und Sporthalle, sind stark miteinander verknüpft. Seit der Bekanntgabe, dass auch die Sporthalle im Sportpark Nord als Flüchtlingsunterkunft in Frage kommt, war es daher das Ziel des SSF-Vorstands, die Auswirkungen einer möglichen Belegung auf unsere anderen Sportflächen so gering wie möglich zu halten. Um dieses Ziel zu erreichen, sind wir auch in engen Abstimmungen mit dem BSC.

Sind noch andere Hallen betroffen, in denen Sportangebote der SSF stattfinden?

LT: Ja, derzeit das Ludwig-Erhard-Berufskolleg und das Robert-Wetzlar-Berufskolleg.

Was heißt das konkret für die SSF-Mitglieder und auch das Personal der SSF?

LT: Zum Stand heute können wir wenig Verlässliches sagen. Wir schauen natürlich gemeinsam mit den anderen Sportvereinen und dem Stadtsportbund genau hin, ob Verwaltung und Politik die versprochenen Anstrengungen unternehmen, um die Belegung der Sporthallen zu vermeiden. Gelingt dies nicht, wird es mit zunehmender Belegung von Sporthallen in Bonn zu Umverteilungen innerhalb der noch offenen Sporthallen kommen. Dies bedeutet, dass auch Übungsgruppen, die in Hallen trainieren, die nicht oder noch nicht belegt werden, mit Einschränkungen oder Verlegungen rechnen müssen.

Je nachdem, wie das Miteinander von Flüchtlingen und Sporttreibenden im Sportpark Nord konkret gestaltet werden kann, müsste es bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der SSF mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Veränderungen in ihren Arbeitsaufgaben kommen. Die  Gefahr der Entlassung von Mitarbeitern sehe ich bei den SSF nicht.

Gibt es alternative Möglichkeiten bzw. Räumlichkeiten für die SSF-Mitglieder, um ihrem Sport nachgehen zu können?

LT: Die Geschäftsstelle versucht derzeit, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um den Sport jeder einzelnen Gruppe aufrechtzuerhalten. So sind wir intensiv auf der Suche nach alternativen Räumlichkeiten. Der Grad des Erfolgs hängt natürlich auch davon ab, in welchem Maße nun Sporthallen benötigt werden oder nicht.

Lässt sich abwägen, wie lange Räumlichkeiten von Sportvereinen und Schulen zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden?

LT: Letztlich handelt es sich um Erstunterkünfte. Deren Belegung ist einerseits geprägt durch die Anzahl der zu uns kommenden Menschen und andererseits durch deren Unterbringung in anderen Unterkünften, der Bearbeitung der Asylverfahren und auch der Abschiebepraxis. Alles Faktoren, die jenseits der Verantwortung der SSF liegen. Auch wenn der Handlungsspielraum der Kommunalpolitik und der Verwaltung sicherlich auch beschränkt ist, so muss dieser aber ausgenutzt werden, um die Belegung von Sporthallen zu verhindern und die bereits genutzten so schnell wie möglich wieder zu räumen.

Können die Mitglieder der SSF Bonn etwas machen, um vielleicht auch auf politischer Ebene etwas zu bewirken?

LT: Ich spüre einen breiten politischen Konsens, dass die Belegung von Sporthallen nur so lange vorgenommen werden soll, wie unbedingt nötig. Jetzt kommt es darauf an, dass den Absichtserklärungen entsprechendes Verwaltungshandeln und unterstützende politische Beschlüsse folgen. Hier müssen wir alle dranbleiben und bei jeder Gelegenheit auf die Bedeutung nutzbarer Sportinfrastruktur für die Stadtgesellschaft hinweisen. Dies gilt im Übrigen für Sporthallen ebenso wie für Sportplätze, öffentliche Bewegungsräume und insbesondere Schwimmbäder. Die notwendigen Debatten sollten wir aber jederzeit mit Respekt und Augenmaß führen. Dennoch scheint mir der plötzliche Rückgriff auf Sporthallen als Flüchtlingsunterkünfte ein weiteres Indiz dafür zu sein, dass wir uns in Bonn derzeit noch zu oft gefangen nehmen lassen von einem Gewirr aus politischem Wettbewerb, intransparentem Verwaltungshandeln, situationsunangemessenen Ansprüchen und Standards sowie einem Hang zur Nichtentscheidung gepaart mit einer Risikoabwälzung auf Dritte. Die eigentliche Herausforderung ist es, Gestaltungskompetenz zurückzugewinnen.

Anne-Marie, Ute, wie bringen sich die SSF Bonn ein, um Flüchtlingen, die in Bonn ankommen, zu helfen?

AN/UP: Sport, besonders der organisierte Sport, spielt eine wichtige Rolle im Integrationsprozess. Dies passiert aber nicht automatisch, sondern muss aktiv gestaltet werden. Deshalb versuchen wir, die Flüchtlinge in unser bestehendes Angebot aufzunehmen, damit diese das Vereinsleben und das soziale Miteinander kennenlernen. Mit den Unterkünften im Umkreis stehen wir in Kontakt, über deren Ansprechpartner die Flüchtlinge den Weg zu uns finden und die dann auch bei der Kommunikation helfen.

Gibt es Angebote, die sich speziell an Flüchtlinge richten?

AN/UP: Ja. Erst diese Woche haben wir den Fitnessraum in Dransdorf als Bewegungs- und Begegnungsraum wiedereröffnet. Dort haben Flüchtlinge die Möglichkeit zweimal die Woche zu trainieren. Es stehen aber auch Computer mit einem Deutsch-Lernprogramm zur Verfügung.

Außerdem gibt es demnächst ein Bewegungsangebot „Spiel und Spaß“ für jugendliche Flüchtlinge.

Wie stellt ihr die Integration von Flüchtlingen sicher und dass die allgemeinen Regeln der SSF und Regeln des friedlichen Umgangs miteinander befolgt werden?

AN/UP: Am meisten lernen die Flüchtlinge durch den Umgang mit anderen Sportlern. Deshalb funktioniert Integration bei den einzelnen Sportarten sehr gut. Dort finden sich bei den Abteilungsleitern und Trainern auch immer Ansprechpartner.

Ansonsten haben wir z. B. die Verhaltensregeln im Fitnessraum auf Arabisch übersetzen lassen. Sicherlich werden wir in Zukunft weitere Informationsmaterialien in verschiedenen Sprachen auslegen.

Welche Möglichkeiten gibt es für Mitglieder, sich für Flüchtlinge einzusetzen?

AN/UP: Mitglieder können uns bei der Betreuung helfen und u. a. die Flüchtlinge als Sportpaten zu den Sporteinheiten begleiten oder als Übungsleiter am Vormittag in freien Hallenzeiten Sportangebote anbieten. Als Sprachpaten im Begegnungsraum Dransdorf können sie als Ansprechpartner bei der Arbeit mit den vorhandenen Deutschlernprogrammen zur Verfügung stehen.

Wir suchen auch Mitglieder, die uns beim Übersetzen der Flyer und Dolmetschen direkt vor Ort (z. B. Fitnessraum) helfen können.

Gibt es noch etwas, das ihr den SSF-Mitgliedern mit auf den Weg geben möchtet?

LT/AN/UP: Im Sinne des Sportgeists sollten alle den Flüchtlingen mit Offenheit begegnen und ihnen die Chance geben, sich durch Sport schneller in die Stadtgesellschaft zu integrieren.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Stohldreyer

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